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Tim Neuhaus – ein Mann mit Allerweltsnamen, der definitiv keine Allerweltsmusik macht. In den vergangenen Jahren saß er nicht nur für eine Vielzahl Künstler am Schlagzeug, sondern veröffentlichte auch seine eigene rhythmisch versierte und zugleich verträumte Musik auf mehreren Alben. Zwei davon sind seit 2010 beim Label Grand Hotel van Cleef erschienen, aufgenommen hat er sie gemeinsam mit der Band “The Cabinet”. Im Interview spricht Tim Neuhaus unter anderem über das Phänomen Konstantin Wecker, sein aktuelles Album “Now” und kuriose Schlaginstrumente. Zudem verrät er, mit wem er im September auf Tour sein wird und auf welche Veröffentlichung sich Fans demnächst vielleicht freuen dürfen.

Du hast schon mit vielen anderen Musikern zusammen gearbeitet: Clueso, Blue Man Group, Hundreds und zuletzt mit Konstantin Wecker. Wie ist es mit so einem gestandenen Musiker, der ja nun schon seit Jahrzehnten Musik macht, unterwegs zu sein?

Es war erstmal ein ungewöhnliches Angebot. Mein Chef bei der Blue Man Group, der auch einer meiner engsten Freunden ist, spielt eigentlich bei Konstantin Wecker. Aber dadurch, dass Konstantin so viele Gigs angeboten bekommen hat und einen Schlagzeuger suchte, der gleichzeitig Gitarre spielt, fiel wie Wahl dann schnell auf mich und ich musste mich extrem auf was anderes einstellen. Es fühlte sich wie eine Fortbildung an, weil dieser Typ mit 65, der so ein ganz eigenes Universum kreiert hat, wirklich was ganz anderes ist, wo ich auch richtig für üben musste und wo ich mich wirklich ganz aufmachen musste für neue Sachen. Ich fand das so bereichernd wie zur Schule gehen und Bock drauf haben. Und wie der Typ sein Publikum in der Hand hat, das ist nur inspirierend und auch wie seine Fans ihm dankbar aus der Hand fressen und wie er mittlerweile immer noch mit Mitte 60 auf dieser unmüden Seite des Lebens steht immer noch geistig total wach, politisch total toll engagiert ist! Ich bin ein großer Fan. Ich lese viel mehr seitdem ich mit ihm Zeit verbracht habe und ich bin total angefixt von ganz vielen Eigenschaften, die er immer noch vorbildlich lebt und ganz unmüde ist und fit und immer noch Bock hat Wutbürger zu sein, toll.

Als ich dein neues Album “Now” das erste Mal hörte war mein erster Eindruck, dass es doch sehr anders klingt, aber dennoch diesen Tim Neuhaus-Sound besitzt. Gab es eine bestimmte Eingebung für die ganzen Synthesizer-Elemente? Hast du viel Musik aus den Achtzigern gehört, oder woran lag es?

Die grundsätzliche Entscheidung war: Wir wollen als Band die nächste Platte hinterher hauen, weil wir als Band so viel Material hatten, das wir für die erste Platte nicht benutzt haben. Ich habe natürlich auch neue Sachen geschrieben, aber ein Großteil ist auch hinüber geschwappt auf das nächste Album. Es ist einfach Andis (Andreas Wisbauer von The Cabinet, Anm. d. Red.) Einfluss. Der hat eine eigene Platte gemacht mit sehr vielen Synthie-Einlagen und das hat uns sehr beeinflusst, auch in unseren Probephasen. Deswegen hat Andi sehr viele Synthie-Elemente mit eingebracht, die ich dann streng mit ausgesucht habe, weil ich da auch sehr empfindlich bin. Ich mag es, wenn es manchmal Casio-mäßig, Spielzeugmäßig ist, aber es hat auch für mich Grenzen. Manchmal ist für mich schnell ein Kitschfaktor erreicht, wenn gewisse Dinge überhand nehmen, Synthie-technisch. Aber das ist jetzt alles, was mir auch persönlich gefällt. Es hat sich ergeben durch die Bandarbeit.

Kann es dadurch Schwierigkeiten geben, die Songs zum Beispiel für ein Akustikset live aufzubereiten?

Tatsächlich nicht. Das ist genau das, was wir gerade machen. Wenn wir sie eins zu eins so wiedergeben würden, wie auf Platte, bräuchten wir eine zehnköpfige Band. Wir haben es jetzt gewagt bei drei Stücken vom Album ein Playback mitzubenutzen, wo wir ein paar Stimmen aus dem off kommen lassen und wo wir uns auch total mit identifizieren können, dass mal so ein Beat vom Band kommt, während wir dann live dazu spielen. Aber einige Songs, die man jetzt auf der Platte hört und vielleicht einen etwas elektronischeren Sound haben, sind jetzt live akustischer.

(Foto: Leonard Prochazka via ghvc.de)
(Foto: Leonard Prochazka via ghvc.de)

Ihr habt das Album nicht nur als Band, sondern auch komplett ohne Hilfe von außen aufgenommen. Wenn jeder ein Mitspracherecht hat und es keinen Mediator gibt, gibt es dann nicht auch Konflikte? Wie löst man die dann?

Es gab teilweise zwei bis vier Versionen von einem Song, weil sie in unterschiedliche Richtungen gingen, weil jemand mal eine krasse Idee hatte. Andi zum Beispiel, der viel arrangiert und Ideen hat, hat dann manchmal eine sehr starke Stimme und dann folgen wir dem. Dann vergleiche ich das zu Hause meistens nachts oder morgens wenn ich aufwache und dann schaue ich, was mein Herz am meisten will oder wo der Song am meisten gespürt wird. Manchmal spielen wir den live so und auf Platte hat er eine andere Version. Kommt nicht bei vielen Songs vor, ist schon mal vorgekommen, bei “Around” zum Beispiel. Da gab es zwei starke Versionen und ich konnte mich lange nicht entscheiden, was wir machen. Live funktioniert das besser, aber auf Platte funktioniert das besser. Ich entscheide dann und ich habe das Recht, die Jungs vertrauen mir da. Ich will auch dass die Tim-Note, die so stark war auf den vorherigen Alben, nicht ganz so verloren geht.

Um die Texte näher an die von englischen Muttersprachlern heranzubringen hast du mit dem Musiker Ian Fisher, der auch als Support auf deiner Tour dabei ist, an deinen Texten gearbeitet. Wie konntest du von der Arbeit profitieren?

Ich hatte viele Texte schon vorbereitet, schon fertig. Sein Zeigefinger ging über die Texte und dann stoppte er wieder bei einem Wort und fragte “Was meinst du damit?” und dann kam ich in Erzählzwang. Ich musste sagen, was dieses Wort bedeutet. Dann hat er angefangen mitzuschreiben, während ich ihm erzählt habe und zum Schluss sagte er dann so “Meinst du nicht, dass wir vielleicht dieses Wort ändern sollten in das?” Und dann dachte ich “Ja… du hast Recht”. Ich habe dahingehend profitiert, dass wir zusammen mit zwei Gehirnen poetischer waren, dass es sich für mich auch wieder wie zur Schule gehen angefühlt hat, weil es einfach nicht meine Muttersprache ist. Ich habe schon eine sehr starke Affinität und auch einen Ehrgeiz, das gut zu machen. Ich wollte einfach lernen eine Ebene tiefer zu gehen, ich wollte aber auch mit Muttersprachlern über die Texte reden können und ein gutes Gefühl dabei haben.

Du hast aber immer noch das Gefühl, dass es deine Texte sind?

Ja, aber es wurden dann auch unsere Texte. Es wurden auch seine Worte, seine Sätze zu meinen Themen. Ich habe kein Problem zu sagen, wir haben zusammen getextet. Er würde vielleicht sagen wir haben an meinen Texten gearbeitet und er hat mir da Hilfe gegeben und für mich mitgereimt. Es sind meine Geschichten, manchmal auch unsere Texte. Wie man es nimmt. Wir haben zusammen daran gearbeitet.

Hast du überhaupt mal probiert auf Deutsch zu schreiben oder ist es einfach nicht die Sprache in der du dich ausdrücken kannst oder willst?

Ich glaube das ist eine Art Kultivierung, die in einem selbst stattfindet. Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht das auf Deutsch zu machen. Ich habe kein Problem damit auf einer Hochzeit mal einen deutschen Lieblingssong von einem Freund zu singen, keine Probleme bei Clueso in der Band zu spielen, der spielt mit der deutschen Sprache und er macht es toll. Nur früher war es so, als ich Musik extrem viel inhaliert habe, wenn ich Herbert Grönemeyer gehört habe, habe ich auf den Text gehört und wenn ich englischsprachige Musik gehört habe, dann höre ich auf die Musik und den Vibe und noch mehr auf die Musik und die Instrumente und das ganze Drumherum. Ich fand Deutschland war da immer ein bisschen hinterher, wenn es um Instrumentales ging. Es klang nie so geil wie internationales fand ich. Das war für mich immer ein Grund, warum ich mich dem zugewendet habe. Ich war auch noch kein Poet, oder ich habe nie in Poesie gedacht, sondern immer mehr in Musik und Arrangements. Das mit dem Texten kam dann später und erst jetzt, seit fünf Jahren, habe ich das Gefühl, ich will auch Geschichten erzählen. Das musste sich erst dahin entwickeln.

Der Song “Easy or not” auf dem aktuellen Album ist ein Duett mit der Australierin Kat Frankie. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Wir haben uns bei TV Noir kennengelernt, da habe ich bei Max Prosa Schlagzeug gespielt und da hat sie mich toll gefunden und mich gefragt, ob ich am Schlagzeug eine Tour mit ihr spiele. Das musste ich ihr leider absagen. Aber ich war so begeistert davon, dass sie mich gefragt hat, weil ich ein großer Kat Frankie Fan bin, dass ich sie gefragt habe: “Hör mal, hättest du vielleicht Lust, dir mal einen Song anzuhören? Ich habe da so einen Break up-Song und die eine Stelle wäre total geil, wenn die von einer Frau gesungen wird.” Und sie hat ja gesagt, sofort nachdem sie den Song gehört hat.

“Now” wird oft als dein zweites Album bezeichnet. Vermutlich, weil es das zweite auf dem Label Grand Hotel van Cleef ist, das zweite mit der Band The Cabinet und weil es das zweite mit diversen Pressebesprechungen ist. Aber eigentlich ist für dich schon das fünfte oder sechste Album. Fühlt sich das nicht schade an, dass die früheren Sachen so unter den Tisch fallen?

Nein. Bei Konzerten habe ich immer noch so ein schönes Gefühl, diese früheren Sachen auch zu verkaufen. Da merke ich, die Leute haben wirklich Interesse, was da so früher passiert ist. Für mich fühlt es sich natürlich nicht wie das zweite Album an, definitiv wie das fünfte, sechste. Aber es hat auch eine gute Seite. Ich kann vielleicht beim dritten Album alte Songs wieder benutzen (lacht). Früher war das so eine Liebhaberei und Sammlerei – Verkaufen und selbst Basteln. Jetzt hat es was offizielles und beide Welten so zu haben finde ich immer noch ganz romantisch. Früher was das anders zu arbeiten, jetzt bei den offiziellen Platten habe ich eine Deadline und muss etwas abgeben, das fühlt sich mehr wie Arbeit an. Früher war es irgendwie so, da habe ich das fertig gemacht und dann einfach rausgebracht, wenn ich dachte, es ist soweit. Beides hat seinen Reiz.

Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass ihr eine komplette Platte noch einmal neu herausbringt.

Das könnte passieren, doch. Es ist tatsächlich mit der allerersten, “Yindi”, in der Diskussion, ob wir die statt einer dritten Single herausbringen. Das wäre eine Möglichkeit, dann haben die Leute ein bisschen einen Einblick was ganz früher passiert ist, weil wir teilweise Live auch noch Songs davon spielen. Und “Around” war auch auf dem ersten Album, was jetzt auf dem neusten Album in einer anderen Version drauf ist. Mal gucken was passiert, ich find’s ganz aufregend.

Für Teile des Albums hast du ein sogenanntes Kofferschlagzeug benutzt, das extra für dich gebaut wurde. Es beinhaltet verschiedene Gegenstände: Bücher, eine Schachtel mit getrockneten Nudeln und der Koffer selbst fungiert auch als Instrument. Wie genau muss man sich das vorstellen, damit zu spielen?

Es gibt jemanden aus dem Blue Men Group Umfeld, der das erfunden hat. Ich habe auch an einem Soloprojekt gearbeitet, denn manchmal ist in dieser Bandkultur, in der ich mich bewege, die Gage nicht so hoch, da kann ich die Band nicht mitnehmen. Dann habe ich überlegt, was mache ich denn mal wenn ich alleine bin? Da wollte ich irgendwie das Schlagzeug wieder reinbekommen und dann meinte ein Kumpel “Probier doch mal mein Kofferschlagzeug aus!” Und jetzt habe ich das tatsächlich mit im Soloprogramm, wo ich mich mal an dieses Kofferschlagzeug setze, was wirklich aus Büchern besteht, die quasi die Trommeln sind, die Toms und Snare und die Seite des Koffers die Bassdrum. Mit dem linken Fuß kann ich sogar noch den Bass spielen, mit einer Fußorgel. Dann kann ich mal ganz anders einen Song singen, nicht mit Gitarre, sondern am Schlagzeug sitzend. Und ich finde den Sound von dem Koffer so toll, der hat es dann auch auf die Platte geschafft. Im September gehe ich übrigens auf eine Sit-Down-and-Sing-Tour, organisiert von Dirk Darmstädter von Jeremy Days. Da spiele ich solo mit zwei anderen Künstlern. Der eine ist Ken Stringfellow und der andere ist The Late Call aus Schweden. Dann nehme ich den Koffer mit.

Um noch kurz beim Thema Schlagzeug zu bleiben: Was war der kurioseste Gegenstand, abgesehen vom Kofferschlagzeug, den du bisher in ein Schlaginstrument verwandelt hast?

Hm, ich glaube da gab es schon einiges. Von der Schere (macht mit dem Mund Scherengeräusche nach), bis hin zur Wasserflasche als Shaker (demonstriert es mit der Wasserflasche, die er in der Hand hält). Oder du checkst Wände aus, oder Kissen, Kissen und Tisch (beginnt auf Sofa und Tisch im Raum herum zu trommeln). Da schrecken wir vor nichts zurück. Du kriegst aus vielem einen guten Klang raus, was so neben dir herumsteht.

Dieses Interview lief in Auszügen auch als Audiobeitrag auf mephisto 97.6.

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