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So sieht man den Hörsaal doch gern von innen! Spaceman Spiff in der Universität Leipzig. (Bild: heartsqueezes)

Am 21. Oktober hat Spacemann Spiff mit seiner Band das für’s erste letzte Konzert vor einer längeren Pause gespielt. Doch bevor Hannes Wittmer ab November den Spaceman Spiff im Gitarrenkoffer verschwinden lässt und für ein halbes Jahr durch die Welt tingelt, habe ich ihn in Leipzig zum Interview treffen dürfen um über – genau – die Musik und das Reisen zu sprechen.

Du warst im März über das Goethe-Institut auf einer kleinen Lese-Reise-Tour mit deinem Verlagskollegen und Autor Finn-Ole Heinrich durch die Niederlande und im September wart ihr sogar in Georgien und Armenien. Wie war das für dich?

Das ist natürlich ganz großartig, weil ich mit meinen deutschsprachigen Texten eigentlich nicht sehr oft die Möglichkeit habe über die Deutschen, Österreichischen, Schweizerischen Grenzen Musik zu machen und so kann man man beruflich eine Woche durch Holland touren oder beruflich nach Armenien kommen, wo man sonst wahrscheinlich nie hinkommen würde und das ist ganz großartig, das ist eine supergroße Chance.

Haben die euch angesprochen? Oder wie ist das gelaufen?

Ja, wir haben da eine Anfrage bekommen. Das Programm das ich mit Finn habe ist in Literaturkreisen recht gut anerkannt,wir haben da auch so einen Preis gewonnen und dann hat das so ein bisschen seine Runde gezogen, sich ein bisschen herumgesprochen und dann buchen die uns ganz gern, weil wir auch so ein Hybrid sind aus Musik und Lesung. Dann schlagen die quasi gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, wenn die uns ins Ausland schicken.

Es wirkte auf mich, als ich es gesehen habe, relativ pädagogikfreundlich. Es schauen sich ja auch viele Leute an, die Deutsch lernen.

Ja genau. Das ist immer so ein bisschen der Plan, dass die einmal wirklich die Sprache lernen. Es geht aber auch immer so ein bisschen… gerade in Armenien, da gibt es glaube ich insgesamt drei oder vier Verlage für das ganze Land und eine Tageszeitung, die eine Auflage von, ich weiß nicht, aber es war sehr wenig, haben. Und das Autorenbild dort ist wohl noch so ein bisschen, dass das halt alte Männer mit Rauschebärten sind. Es geht also auch darum, dass man sieht, dass bei uns in Deutschland zum Beispiel auch junge Leute Autoren sind.

Du hast, seit dein zweites Album vor eineinhalb Jahren herauskam, ja schon eine musikalische Entwicklung gemacht. Du bist inzwischen nicht mehr – oder nicht mehr vorwiegend – allein mit Gitarre unterwegs, sondern hast eine Band dabei. Wie geht es dir mit dieser Entwicklung?

Total gut. Also eigentlich komme ich ja aus der Ecke mit voller Band. Ich habe früher so eine nah am Indie/Punk-Rock Band gehabt (Taschenrocker – Anm. d. Red.) mit viel über die Bühne Hüpfen und Schreien und E-Gitarre und so weiter und da komme ich eigentlich her und hatte dann mal Lust, wie es eben so ist, dass nicht so ein riesiger Rattenschwanz dran hängt, wenn man auf Tour geht, dass man irgendwie fünf Leute unterbringen muss in drei Autos und ausladen, sondern einfach mal Gitarre auf den Rücken spannen, in den Zug steigen und überall auf’s Konzert fahren können. Das fand ich damals ganz schön und das habe ich dann eine Zeit lang gemacht und jetzt ist es für mich total schön wieder andere Leute dabei zu haben und dieses ganze Unterwegssein und Konzerte spielen zu teilen. Das ist schön, wenn man da gleich ein bisschen Reflexion hat und ich finde es auch musikalisch sinnvoll. Ich glaube, wenn ich jetzt eine Soloplatte nach der anderen raushauen würde, würde es wahrscheinlich irgendwann fad werden, weil man natürlich so allein mit seinem Instrument ein bisschen eingeschränkt ist.

Es ist ja bekannt, dass das Leben als Vollzeitmusiker relativ prekär ist oder sein kann, wenn man nicht gerade Bruce Springsteen oder Madonna ist. Kannst du inzwischen von deiner Musik leben?

Ja, kann ich. Also ich sag immer, so ein bisschen mehr Überleben als Leben, aber es funktioniert. Ich kann meine Miete zahlen, Versicherung zahlen, kann mir Essen kaufen und kann mir auch ab und an mal den Bio-Käse im Supermarkt leisten, also es ist echt okay.

Gab es in den letzten Jahren dieser ganzen Entwicklung irgendwas, das für dich negativ war?

Wenn man es „Karriere“-mäßig betrachtet, dann habe ich, glaube ich, unfassbar viel Glück gehabt. Es ist irgendwie alles gut gelaufen was gut laufen konnte. Allein das Prinzip, dass ich jetzt durch die Gegend touren kann und von meiner Musik leben kann, hätte ich mir nie erträumt vorher, weil es ja auch irgendwie nicht mehr geplant war. Aber es ist tatsächlich schon… ich meine man hatte das immer so als Jugendtraum, als man mit seiner Band gespielt hat, dass es super wäre, davon leben zu können. Aber es hat auch etwas Desillusionierendes, wen man dann in diese Welt eintaucht und wenn man dann auch ein Teil davon ist. Dass es einmal nicht nur Musikmachen und Herumfahren ist, sondern ganz viel Papierkram und Arbeit hinten dran: Verträge machen, Steuererklärung, Rechnungen schreiben. Und ich glaube ich habe mir auch so ein bisschen drei Jahre lang zu viel gegeben, dass ich immer nur Musik, Musik, Musik gemacht habe und ein bisschen zuviel auf Spaceman Spiff gegeben habe und den Hannes ein bisschen vernachlässigt habe. Es ist nicht alles nur Zuckerschlecken, aber natürlich kann ich mich nicht beschweren. Also es ist super, ich würde alles jederzeit wieder tun.

Neben diesem Literatur-Musik-Hybrid und neben Spaceman Spiff machst du auch Musik ganz ohne Texte, in deinem Instrumental-Projekt Stein Schwere Papier. Das hast du unter anderem im Internet zum Download veröffentlicht, aber auch als Kassette. Warum gerade auf diesem alten Medium?

Ich habe diese paar Lieder neben Spaceman Spiff immer wieder mal, wenn ich daheim gesessen habe und mir langweilig war… ich glaube es hat angefangen, als ich eine Stimmentzündung hatte und nicht singen durfte. Da habe ich einfach so einen Instrumentaltrack gemacht und ich habe die so angesammelt und eigentlich sind die alle so ein einer halben Stunde entstanden und ich habe dann gesagt, ‘naja, die machst du ein andermal fertig’ und dann ist ein Rechner von mir abgeraucht und ich hatte keine Sicherheitskopie und habe dann nur so ein paar Dinger davon auf einem mp3-Player gehabt, die aber dann schon abgemischt waren. Das heißt ich konnte da nichts mehr dran ändern und dann fand ich eigentlich ganz gut so, dass sie so in Stein gemeißelt waren und die sind halt alle sehr intuitiv, die Stücke. Ein Freund von mir hat ein Kassettenlabel, Stefan – der auch das Artwork von meiner ersten CD gemacht hat („Bodenangst“, Anm. d. Red.) – und dann hat er mich gefragt: ‘Hättest du nicht Bock dass wir das irgendwie rausbringen? Denn es wäre ja eigentlich schade darum, wenn’s dann verloren wäre’. Und dann haben wir’s auf Kassette rausgebracht. Aber es gibt inzwischen auch eine CD-Version, was daran liegt, dass wir davon irgendwie 20 gemacht haben und die waren dann sehr schnell weg und dann hat er noch mal 50 nachgemacht, die waren dann genauso schnell weg, Dann hat Stefan gemeint er hat keinen Bock mehr sich vor seinen Kassettenrecorder zu stellen und die alle per Hand zu überspielen. Er saß immer davor und hat 20 Minuten gewartet, umgedreht, nochmal 20 Minuten gewartet, dann die nächste Kassette eingelegt…

Das stell ich mir sehr, sehr eintönig vor auf Dauer.

Ja wirklich, Kassettenlabel-Boss ist kein einfacher Job.

Du hast ein paar Jahre in Hamburg gelebt, bist jetzt aber wieder nach Würzburg zurückgezogen. Wie kam das?

Wie schon gesagt, ich hab mich ein bisschen sehr, sehr viel über drei Jahre nur um Musik gekümmert und hab dann quasi Hamburg auch mit meiner Arbeit verbunden und mit Würzburg hab ich noch meine ganzen alten Freunde von früher verbunden und hab das ein wenig zum Entschleunigen gebraucht. Es gibt in Würzburg so einen Block, der Denklerblock. Das sind zwei Häuser mit einem schönen Innenhof, wo manchmal Konzerte sind und wir haben uns ein eigenes Kino dort gebaut und es sind ganz viele tolle Leute auf einem Haufen, da bin ich wieder hingezogen. Und wegen dem Wetter auch ein bisschen. Und das war jetzt ganz schön zum Entschleunigen und jetzt bin ich erstmal ein halbes Jahr unterwegs auf Reisen und dann schau ich mal, was ich mache, ob ich noch ein halbes Jahr in Würzburg bleibe oder ob ich wieder direkt nach Hamburg ziehe. Mal schauen, bin da für alles offen.

In deinem Song „Irgendwo ist immer woanders“ singst du „Und die ferne brennt, wie ein glühendes Eisen, in Lunge und Herz, auf tausend Arten und Weisen“. Es geht, nehme ich an, ums Wegfahren, ums Reisen, darum, etwas Neues zu sehen. Und das geht, wie du schon gesagt hast, für dich demnächst in Erfüllung, denn du machst eine kleine Weltreise. Wie wird die aussehen?

Eigentlich war es gar nicht als Weltreise geplant. Eigentlich wollte ich nur nach Neuseeland, weil ich da schon immer hinwollte, allein aus diesem kitschigen Gedanken, dass man halt nicht weiter weg sein kann von hier als dort. Das hat mich schon immer gereizt. Und ich habe einen Cousin dort, der ist dort irgendwie Professor an der Uni in Wellington und mir haben einfach ganz viele Leute schon erzählt, wie schön dieses Land ist und deswegen hab ich geplant da irgendwie hinzufahren. Dann war ich im Reisebüro und wollte auch über San Francisco fliegen, weil ich da auch unbedingt mal hin wollte und dann hatte ich auf einmal ein Round-the-World-Ticket, weil das günstiger war. Und dann hieß es irgendwie für jede weitere Location: 50 Euro mehr und du kannst noch nach Fiji und nochmal 100 Euro mehr und du kommst noch nach Bangkok und kannst dir Südostasien angucken und dann lagen halt ein paar Sachen auf dem Weg nach Neuseeland und es ist eine große Reise daraus geworden. Und dann mach ich das jetzt.

Versprichst du dir davon auch Eindrücke für dein musikalisches Schaffen?

Eigentlich ist das mal nicht der Plan. Ich spiele jedes Jahr so um die 80 Konzerte und noch mehr und hab dann noch Proben dazu. Das ist dann eher mal das Gegenteil vom ganz viele musikalische Eindrücke sammeln. Ich glaube das passiert dann aber ganz von allein. Ich habe auch eine kleine Gitarre mit dabei und wenn ich dann eine brauche habe ich die zur Hand. Ich glaube schon, dass ich irgendwelche Eindrücke mitnehmen werde, die ich dann vielleicht verwursten will. Aber eigentlich habe ich jetzt fast schon die Lieder für mein nächstes Album zusammen. Mal gucken, ob da noch eins, zwei dazukommen.

Darauf kommen wir gleich noch zu sprechen. Ein Frage hab ich zur Reise noch. Du meinst, du nimmst auf jeden Fall eine Gitarre mit. Aber welche, sagen wir, fünf Alben wirst du denn auf jeden Fall mitnehmen, ohne die du nicht unterwegs sein darfst?

Puh, da gibt’s viele. Also was auf jeden Fall dabei ist, ist The Notwist, die „Neon Golden“. Das ist so ein all time favorite. Electric President, die erste Platte ist ganz großartig. Von Tom Waits auf jeden Fall was. Ähm… da gibt’s so viel, ist schwierig. Jetzt hab ich schon drei, ne? Eine The National-Platte, da gefällt mir glaube ich die EP, die sie mal rausgebracht haben mit am besten: „Cherry Tree“, die ist ganz großartig. Jetzt habe ich noch eines übrig… Das letzte ist dann ein Sampler mit ganz vielen Dingen, die mir jetzt gerade in den Kopf schießen, wo ich mich nicht entscheiden kann, was ich jetzt noch als letztes sagen kann.

Ein mp3-Sampler, wo ungefähr 2000 Lieder drauf passen.

Ja genau, so in etwa.

Du hast es eben schon erwähnt: du hast schon viel Material für eine neue Platte. Davon hat man auch schon viel auf Konzerten gehört. Gibt es da schon konkrete Pläne oder wirst du das alles sehen, wenn du wieder kommst?

Das ist das Schöne daran, dass ich mir jetzt ein halbes Jahr den Kopf freischießen kann unterwegs. …was auch immer Schießen bedeutet in dem Kontext (lacht). Und wenn ich zurück komme kann ich mir dann einfach schön überlegen, wo ich das mache. Ich will auf jeden Fall mit den Boys zusammen, also mit meiner Band, ins Studio gehen und mich dann überraschen lassen.

Auszüge des Interviews gibt es auch als Audiodatei bei mephisto 97.6.

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