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Mir sind keine offiziellen Statistiken darüber bekannt, aber nach einer nicht-repräsentativen Umfrage in meinem Freundes- und Studentenumfeld gehe ich davon aus, dass die Mehrheit der Studenten nicht über einen Fernseher verfügt und der Bildschirm, in den sie überwiegend starren, der eines Computers ist. Dies scheint im Hinblick auf das Angebot der privaten Sender kein großer Verlust zu sein. Und zum Public-Tatort-Viewing geht man heutzutage eh in die Lieblingskneipe. Bleiben immerhin noch die Nischensender der Öffentlich-Rechtlichen, allen voran zdf_neo und zdf.kultur. Die scheinen endlich die Marktlücke “Student” für sich entdeckt zu haben und setzen verstärkt auf das Internet, soziale Netzwerke sowie die ZDF-Mediathek, um ihr Publikum zu erweitern und es teilhaben zu lassen.

(Bild: ZDF.de)

Für das Talkrundenformat “Roche & Böhmermann”, dessen erste Staffel im Frühjar auf zdf.kultur lief, ist das auch unabdingbar, läuft die Sendung doch Sonnatagabend parallel zu Günther Jauchs Talkshow. Und bei der bleibt man, sollte man doch einen Fernseher besitzen und sich den Tatort vom heimischen Sofa aus anschauen, einfach eher hängen, anstatt noch bis Senderplatz 137 zu zappen, auf dem zdf.kultur vermutlich vor sich hin dümpelt. Charlotte Roche und Jan Böhmermann setzen daher auf “dieses Internet”. Die erste Staffel konnte man bereits parallel zur Fernsehausstrahlung in der Mediathek sehen, die zweite Staffel, die an diesem Wochenende startet, wird nun sogar samstags zuerst im Internet ausgestrahlt und erst am Tag darauf im Uralt-Medium Fernsehen gezeigt.

Charlotte Roche – von der ich bis zu dieser Sendung kein großer Fan war, was sich aber sehr geändert hat – und Jan Böhmermann – mit dessen Namen ich unberechtigterweise gar nichts anfangen konnte – setzen auf das altbewährte Format der Talkrunde. Die Sendung ist optisch dunkel-nostalgisch verpackt, ohne festes Konzept, dafür aber mit Zigaretten, Whiskey und der Option zur Selbstzensur und zum Sendung-Zurückspulen. Pro Ausgabe sitzen fünf verschiedene Gäste in der Runde, die auf den ersten und oft auch auf den zweiten Blick rein gar nichts verbindet. In kleinen Einspielern werden sie von einem Sprecher in schöner Manfred-Krug-Manier vorgestellt und ihr Werdegang wird ohne Blatt vorm Mund kommentiert. Es gibt kein sendungsübergreifendes Thema, und somit auch kein oder kaum selbstbeweihräucherndes Fachgesimpel. Es wird über die Funktionsweise von Ex-Leistungssportler Balian Buschbaums Penis genauso diskutiert wie über den von Attac-Gründerin Jutta Sundermann vorgeschlagenen Kontoumzug von einer schlechten zu einer guten Bank. Manchmal wirken die Gespräche allerdings etwas zu sehr von den Moderatoren gesteuert.

Unterm Strich sind die jeweils 60 Minuten vor allem aufgrund der willkürlichen Zusammensetzung der Talkrunde sehr amüsant und haben mich nicht selten staunen und bisweilen sogar laut auflachen lassen. Roche und Böhmemann sind schonungslos mit ihren Gästen, werden dabei aber nie beleidigend (Max Herre sah das etwas anders), sondern sind einfach ehrlich und sprechen das aus, was man als Zuschauer unter Umständen gerade denkt. Allerdings ist die thematische Palette, die innerhalb einer Stunde aufgestapelt wird, etwas zu viel des Guten. Kaum ist man drin in einem Thema und will gern noch mehr wissen, wird schon der nächste Gast ins Rampenlicht gerückt und das Thema gewechselt. So gewinnt man oft nur einen kleinen Einblick in ein spannendes Themengebiet, das irgenwo zwischen politischem Aktivismus und dem Alltag eines C-Promis angesiedelt ist. Aber wenn man sich weiter informieren will, kann man das ja jederzeit in “diesem Internet” tun.

Die zweite Staffel von “Roche & Böhmermann” startet dieses Wochenende – optisch etwas massenkompatibler und laut eigenen Aussagen künftig ohne Rauchen und Saufen und mit “viel mehr Inhalt”. Die Gäste der ersten Folge sind Markus Lanz, Jessica Schwarz, Eko Fresh, Charles M. Huber und Konstantin Gropper (Get Well Soon). Die erste Folge läuft am Samstag, 1. September um 20.15 Uhr in der ZDF-Mediathek und am Sonntag, 2. September um 22 Uhr im Fernsehen auf zdf.kultur.

Dieser Artikel ist nur auf dieser Homepage erschienen.

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