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Bratwurst, Klöße und Wein sind die bekanntesten Thüringer und haben weit über den Freistaat hinaus ihre Anhänger. Einmal im Jahr ziehen aber vor allem akustische Genüsse tausende Menschen aus aller Welt in den Freistaat. Seit 22 Jahren steigt am ersten Juli-Wochenende das Tanz und Folkfest in Rudolstadt. Das Programm ist dabei keine Geschmackssache, denn bei über 60 Künstlern findet jeder weltgewandte Musikliebhaber seine Leckerbissen.

Refugees welcome: Strom & Wasser feat. The Refugees

Refugees welcome: Strom & Wasser feat. The Refugees (Bild: keeede)

Die Kulisse des TFF ist bereits das erste Highlight. 30 klitzekleine bis große Bühnen sind über die gesamte sehenswerte Altstadt, das Residenzschloss Heidecksburg und den Saale-nahen Heinepark verteilt. So hat der Besucher zwar einige Fußmärsche zurückzulegen, aber bei toller Kulisse und famosem Wetter läuft es sich ganz leicht.

Am Donnerstag-Abend eröffnen die Blues-Musiker John Hiatt & the Combo das Festival, bevor Shantel und sein Bucovina Club Orkestar die ersten Tanzschuhe glühen lassen. Der gebürtige Frankfurter Shantel ist neben Hannes Wader und Gentleman & the Evolution das Zugpferd des Festivals, das ansonsten auf die Aufgeschlossenheit seines Publikums setzt. Am meisten herausgefordert wird die vom chinesischem Klangkünstler Xiao He. Er bricht mit jeglicher konventioneller Songstruktur und erzeugt Klänge, die an einen röhrenden Hirsch oder den Sendersuchlauf bei einem UKW-Radio erinnern. Die Organisatoren des TFF haben in diesem Jahr den Länderschwerpunkt auf China gelegt und so tummeln sich neben Xiao He noch einige andere Musiker aus dem Reich der Mitte auf den Festivalbühnen. Viele von ihnen stellen das mitteleuropäische Musikverständnis auf die Probe und haben Instrumente im Gepäck, die viele Besucher noch nie zuvor gesehen haben dürften. Europäischer Musik am nächsten kommt die Rockband Er Shou Mei Gui (übersetzt Second-Hand Roses), die Punkrock mit fernöstlichen Klängen paart.

Doch nicht nur die chinesischen Künstler schicken die Besucher auf eine akustische Weltreise. Am Freitag spielen auf den beiden größten Bühnen abwechselnd Künstler aus Angola, Kroatien, Deutschland, Mali und Kolumbien. Ebenso vielfältig wie die Herkunftsländer der auftretenden Bands sind die Musikstile, die auf dem Festival zu hören sind: Das TFF Rudolstadt versteht sich als Festival für Roots, Folk und World Music. Da auf der Welt aber unendlich viele Stile und Spielarten zu hören sind, ist auch das Programm des Festivals so bunt wie die Hemden von Jürgen von der Lippe. Was alle Musiker vereint, ist die Experimentierfreude und das „Sich-nicht-festlegen-lassen-wollen“ auf eine bestimmte Musikrichtung. So werden es die meisten von ihnen zwar nie an die Spitzen irgendwelcher Charts schaffen, das Prädikat „gute Musik“ ist ihnen aber trotzdem (oder gerade deswegen) sicher. Häufig fährt ihre Musik direkt in die Glieder und lässt sie auch nicht mehr los, bis der letzte Takt verklungen ist.

Einige Bands treiben aber viel dringendere Motive als ein tanzendes Publikum dazu an, zu Instrumenten, Zettel und Stift zu greifen. Die Tunesierin Emel Mathlouthi hat Lieder geschrieben, um den Aufständischen der Jasmin-Revolution in Tunesien Mut zuzusprechen. Kareyce Fotso aus Kamerun singt von der patriarchalen Gesellschaft in ihrer Heimat, beklagt die ärmlichen Verhältnisse ihres Volkes und die Rodung der Wälder. Ihre Freude und Energie steht dabei in krassem Gegensatz zu den ernsten Themen ihrer Lieder. Fotsos kraftvolle Stimme und fesselnde Ausstrahlung machen sie zu einem der Highlights des 22. TFF. Bestürzung, Betroffenheit und Wut löst das Projekt Strom & Wasser feat. The Refugees aus. Der politische Liedermacher Heinz Ratz hat in deutschen Flüchtlingslagern nach talentierten Musikern gesucht. Ihre Schicksale und der Fakt, dass all diesen tollen und sympathischen Künstlern die Abschiebung und eine ungewisse Zukunft drohen, lassen einem Tränen des Zorns in den Augen stehen.

Neben Strom & Wasser sind die Gute-Laune-Barden von Hasenscheisse und die Popband Dota & die Stadtpiraten die einheimischen Bands, die abseits der  Headliner am meisten auf sich aufmerksam machen können. Mit Gentleman & The Evolution ist es jedoch einem der „Großen“ vorbehalten, den Vorhang des TFF 2012 am Sonntagabend fallen zu lassen. Er beschließt ein perfekt organisiertes Festival, das nicht zuletzt durch das entspannte Feiern mehrerer Generationen im Gedächtnis bleibt und den musikalischen Horizont seiner Besucher einmal mehr erweitert hat.

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2 thoughts on “An den Ohren um die Welt

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